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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Die Urlandschaft.
Neumärkische Zeitung   30. Oktober 1927

Aus der Einleitung zu einer ausführlichen Geschichte des Ortes Vietz.
Von c. Paeschke.

Als mit dem Verschwinden des mächtigen Inlandeises der jüngsten Eiszeit und mit dem Versiegen vieler Schmelzwasserströme der große Urstrom der norddeutschen Tiefebene bis auf die harmlose Warthe zusammengeschrumpft war, da war die Form und die Landschaft von Vietz endgültig gebildet, und nur der Mensch verwandelte nachher die Oberfläche der Erde im Laufe der Zeit nach seinen Bedürfnissen. Sehen wir uns die endgültige Form der Vietzer Landschaft an und beginnen wir im Westen.
In der zwischen der Massiner und der Zorndorfer Hochfläche liegenden Sandfläche hatte der große, von Nordwest nach Südosten fließende Schmelzwasserstrom einen tiefen Einschnitt hinterlassen und mächtige Ablagerungen von Tonmergel aufgeschichtet, die heute von sechs Ziegeleien ausgebeutet werden. Als längliches Überbleibsel des mächtigen und Segensbringenden Stromes floss nach der Eiszeit ein Bächlein, die Vietze, durch die Sandebene, die Senken des Strombettes mit lieblichen Seen füllend und sich mit einer moorigen Umgebung kleidend. Die Seen, die die Vietze hier bildete, sind der „Große See“, der „Stubbensee“, der „Groß- Camminer- Mühlensee“, der „Papiermühlensee“ und der „Schmelzer Teich“. Oberhalb des „Großen Sees“ befindet sich eine bemerkenswerte Stelle. Am Südende des „Behlenbruches“ ist die Durchbruchsstelle des, im ehemaligen Behlenbruche, aufgestauten Schmelzwassers durch die vorgelagerten Höhen, frisch, wie am Tage des Durchbruches. Über das enge Durchbruchstal spannt sich heute die Behlenbrücke, die einzige Verbindung der beiden Vietzeufer in diesem Teile des Vietzelaufes. Während heute die Einmündung der Vietze in die Warthe künstlich in der Nähe des Warthefalls durch das Auffangen des Vietzewassers in einen Kanal verhindert wird, geschah damals, am Schlusse der Eiszeit, diese Einmündung auf natürliche Weise; sie wird wahrscheinlich unterhalb der Grabenmühle, an der letzten merklichen Bodensenkung, stattgefunden haben und sich später sogar weiter nördlich, weil alle Anzeichen der geologischen Struktur von Vietz darauf hinweisen, doch nach dem Versiegen des großen Schmelzwasserstromes das Bett des Urstromes sich weiter nördlich verschoben und erst später zurückgegangen ist, befunden haben.
Die im Westen von Vietz gelegene Berglandschaft, der Ausläufer der Zorndorfer Hochfläche, ragte auch damals in die Ebene hinein. Die Furchen und Falten in dieser Hochfläche sind zum Teil auf tektonische Einwirkungen in der Tertiärrzeit, zum Teil auf Eingriffe, hervorgerufen durch Schmelzwässer, zurückzuführen. Dasselbe gilt für die später zu besprechenden Massiner und Liebenower Hochflächen. Die höchste, Vietz beherrschende Erhöhung, die „Aussicht“, liegt 67,4 hoch, während die höchste Erhebung dieser Hochfläche in der Nähe von Vietz 68,2 Meter hoch ist. Viel wichtiger als diese Erhebung ist die Massiner Hochfläche, deren bemerkenswerteste Höhenpunkte die Rehberge und die Dolenberge bilden, Höhen, die durch ihre endmoränenartigen Bildungen auffallen und auch für die menschliche lokale Geschichte beachtenswert erscheinen. Der Charakter dieser Hochflächen wird nicht nur durch ihre Endmoränen und durch ihre Zerklüftung, sondern auch durch ihre Seen und ihre Sümpfe bemerkenswert. Die Seen in der Nähe von Vietz sind: der „Grüne See“, der „Raaksee“ und der „Klare Dolgen“.
Eigenartig ist die Lage des „Grünen Sees“, der unmittelbar am Steilabhang zum Vietzetal liegt und trotzdem keine Verbindung zu diesem Tale gefunden hat. Vom „Grünen See“ an zieht sich durch die Hochfläche, häufig durch Höhen unterbrochen, ein unregelmäßiger Sumpfstreifen, der sein Ende am „Klaren Dolgen“ findet und hier im letzten, mächtigsten und sehenswertesten Teile der „Faule Dolgen“ heißt. Damals, am Ende der Eiszeit, werden diese Sümpfe noch mächtige Seen gewesen sein, zum Teil miteinander verbunden. Die heutigen Seen sind die kläglichen Überreste dieser Urseen und die Sümpfe nur noch ihre Spuren. Nach Vietz zu senkt sich diese Massiner Hochfläche terrassenartig und unterbricht diese Ausläufer, hier von der Mündung des Schmelzwassersstromes aus dem Nebentale unterbrochen. Die Hochfläche hat ihren höchsten Punkt 103,1 Meter in den Dolgenbergen. Östlich der Massiner Hochfläche stößt die Liebenower Hochfläche in das Landschaftsbild von Vietz, auch hier bei Vietz eine deutliche Terrassenlandschaft bildend, die erst weiter östlich sich in eine bewegte Hochfläche auflöst, deren bemerkenswertester Punkt der „Schwarze Berg“ mit 91,4 Metern Höhe ist. Zusammenfassend können wir sagen: Als der Mensch hier gestaltend in die Landschaft eintrat, floss ein wesentlich stärkerer Strom als die heutige Warthe in westlicher Richtung durch die große Ebene, das ehemalige Urstromtal, zur Zeit der Schneeschmelzen die Ebenen wieder mit Wasser füllend. Die Ebene selbst war ein sumpf und Steppengebiet, die Dünen mit Wald und Gestrüpp bedeckt, Aus den Bergen kam die Vietze, ein harmloses Wässerchen; nur zur Zeit der Überschwemmung seine niedrige Umgebung mit Wasser füllend. Die Ebene, in der heute der Ort Vietz liegt, die Stelle, an der der tiefste Talsand sich von dem moorigen scheidet, war zum Teil eine traurige Sandwüste, zum Teil mit Wald und Gestrüpp bedeckt, und auf den Hochflächenstand dichter Urwald.
Im Flusse, in den Bächlein und Seen wimmelte es von Fischen und sonstigen Wassergetier; auf der Sumpf- und Steppenfläche hausten unzählige Wasser- und Sumpfvögel, und Wald und Feld waren von Tieren aller art, gefährlichen und ungefährlichen, bewohnt. In diese Urwüchsigkeit hinein trat nun der Mensch. Langsam, schüchtern, unmerklich erhob er sich über die ihn umgebene Natur, versuchte sie zu meistern, meisterte sie, vervollkommnet sich, bekämpfte sich, verwüstete und baute wieder auf, wuchs und wuchs, und mit seinem Wachsen, mit seinem Heraustreten aus der ihn umgebenen Natur, formte er die Natur, verdrängte die Tiere, veränderte das Landschaftsbild und wurde der Herr.