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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
In Friedebergs Mauern.  Teil II
Neumärkische Zeitung  9. Oktober 1927

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts herrschte große Hungersnot und die Pest. Im Jahre 1507 aber wieder gab es einen derartigen Überfluß an Feldfrüchten, daß für die Bestellung der Äcker tatsächlich weit mehr Geld aufgebracht werden mußte als für die Ernte einkam. Der Scheffel Roggen kostete 21, Gerste 16 und Hafer 11 märkische Pfennige. Man nannte dies die „silberne Zeit“. Sehr interessant ist außerdem, daß aus dem Jahre 1427, also vor genau 500 Jahren, verbürgte Meldungen über eigenartige Witterungserscheinungen vorliegen. Von Ostern, 20. April 1427, bis in den August hinein herrschte ununterbrochen Trockenheit, blühten Pfirsich- und Kirschbäume. Auch blühende Kornblumen gab es im Dezember. Wenn man dieses Wetter mit dem vergleicht, das uns heute nach genau 500 Jahren beschieden worden ist, so sehnt man sich wohl unwillkürlich nach nur einem kleinen Teil jener warmen Tage. Viele Feuerbrünste zerstörten oft in kurzer Zeit, was menschliche Tatkraft und menschlicher Fleiß in jahrelangem Mühen geschaffen hatten. Mehrmals brannte der durchziehende Feind die Häuser nieder. Aber auch Bürger der Stadt wurden als Brandstifter entlarvt. Am 28. April 1647 vernichtete ein durch einen Bürger angelegtes Feuer ein Viertel der ganzen Stadt. Man stellte als Täterin Martin Jänicke fest, der auch unter dem Spitznamen „der Kassube“ bekannt war. Der Grund zu seiner ruchlosen Tat lag in folgendem: Die während des dreißigjährigen Krieges aufzubringenden Steuerlasten waren äußerst drückend, und mancher der Bürger blieb im Rückstand mit der Zahlung. So erging es auch Martin Jänicke. Die beiden Friedeberger Steuereinnehmer, die ihn ständig drängten, hatten seinen Zorn wachgerufen, dem er dadurch Luft machte, daß er die Häuser der beiden Einnehmer anzündete. Dies war freilich ein recht unwürdiges Beginnen, da unübersehbarer Schaden angerichtet wurde. Jänicke und auch seine Frau konnten für ihre Tat zur Verantwortung gezogen werden. Bei der Vernehmung gestanden sie auch noch eine drei Jahre vorher verübte Brandstiftung ein. Beide erlitten eine furchtbare Strafe: sie wurden unter dem Galgen zu Friedeberg lebendig verbrannt. Am 24.Juli 1759 zerstörte ein Brand 15 Wohnhäuser und 93 gefüllte Scheunen, so daß ein Gesamtschaden von 8000 Talern entstand. Die St. Marienkirche nördlich des Marktplatzes war ursprünglich eine dreischiffige, flachgedeckte Basilika. Auch sie wurde öfters vom Feuer zerstört. Sie ist daher teilweise abweichend von ihrer ursprünglichen Gestaltung verändert worden. Das hohe gotische Spitzdach des Turmes ist vermutlich bereits im 15. Jahrhundert vernichtet worden. Der Turm trägt jetzt nur einen achteckigen hölzernen Aufsatz, der mit byzantinischer, Zink bekleideter Kuppel versehen ist. Eine Turmuhr schaffte man 1784 für 230 Taler an. Die Kirche wurde 1858 erneuert. Wie in anderen Städten, so hat man auch hier dann dem Bau schweren Schaden zugefügt. Wertvolle Holzschnitzereien, Chorstühle und Plastiken wurden in verständnisloser Weise vernichtet. An einem Tragpfeiler sind auf einer schwarzen Tafel die Namen der Kriegsteilnehmer aus den Kriegen 1806/07 und 1813- 15 verzeichnet. Das alte Rathaus am Markt, welches in alter Zeit gleichzeitig Kaufhaus war, ist im Jahre 1872 durch ein neues ersetzt worden, das in das Stadtbild aber schlecht hineinpaßt. Friedeberg hatte früher eine verhältnismäßig größere wirtschaftliche Bedeutung als heute. Es reichte fast an Landsberg heran. 1717 war es Garnison geworden. Die damals einziehende Kompanie des Infanterie- Regimentes „Prinz von Preußen“ war 1726 durch eine Schwadron Dragoner abgelöst worden. 1797 wurde Friedeberg, dessen Einwohnerzahl ständig im Wachsen begriffen war, das Privileg für eine zweite Apotheke erteilt. Aber als 1871 die Dragoner von Friedeberg weggenommen wurden, verlor die Stadt sehr von ihrem einstigen Einfluß. Man zählte an Einwohnern 1693 etwa 1000, 1729 schon 1600, 1750 bereits 2000, 1810 rund 2000 und 1870 sogar 5810. Bei dieser Zahl blieb es dann. Als im Jahre 1857 die Ostbahn angelegt wurde, bemühte sich der damalige Bürgermeister Treu mit allen Mitteln, die Straße nach Friedeberg zu bekommen. All sein Streben danach war jedoch vergeblich. Friedeberg, das ja heute mit seinen 5600 Einwohnern noch immer der Mittelpunkt des Kreises ist und dementsprechend eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung aus früheren Jahrhunderten behalten hat, ist ständig bemüht, sich weiter zu entwickeln. Die Straßen sind zum Teil neu gepflastert worden; auch ein Kanalisationsnetz wurde ausgebaut. In Kürze werden die Wasserpumpen aus dem Straßenbild verschwinden. Friedeberg plant, im nächsten Jahre eine Wasserleitung zu schaffen, die neben der Bequemlichkeit auch gesundheitlich gegenüber den Pumpen bedeutende Vorteile bringt. In alten Zeiten hatte man überhaupt noch die offenen Ziehbrunnen, die oft zu allerlei Unfug benutzt wurden. Außerordentlich viel Katzen wurden darin ertränkt, und einmal fand man im Ziehbrunnen sogar einen Wagen, den jemand zum Schabernack versenkt hatte. Seit 1919 hat Friedeberg eine Bevölkerungszunahme von 10 Prozent zu verzeichnen. Es herrscht jetzt eine rege Bautätigkeit. Der von dem Bürgermeister Dr. Michel im Jahre 1920, ein Jahr nach seinem Dienstantritt, ins Leben gerufene städtische Volksbildungs- Ausschuß hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bürgern gute Kunst zu vermitteln und pflegt auch außer künstlerischer und wissenschaftlicher Literatur staatsbürgerliche Unterhaltungsabende. Die Musikabende haben ebenfalls allgemein lebhaften Anklang gefunden. durch den Volksbildungsausschuß wird das rege geistige Leben der Stadt in jeder Weise gefördert. Erstklassige Berliner Orchester, der Domchor und andere erste Künstler bieten beste Kunst dar. An den Schulen gibt es außer den Volksschulen ab 1871 das Gymnasium, das seit 1580 bereits als Lateinschule bestand. Dem gliedert sich die höhere Mädchenschule an. Außerdem befindet sich in Friedeberg eine landwirtschaftliche Schule mit angeschlossener Haushaltschule. Das Seminar ist bekanntlich vor einigen Jahren eingegangen. Das Gymnasium ist dann in das schöne, große, 1907 erbaute Gebäude eingezogen. Im alten Gymnasialgebäude hat die Stadt ein Schülerheim eingerichtet, das unter der Leitung eines Studienrates auswärtigen Kindern eine gediegene Erziehung ermöglicht. Die Geschäftsleute sind zum großen Teil auf den Handel angewiesen. Besonders die Markttage bringen viel Kundschaft aus den umliegenden Ortschaften, und es wird dann den Geschäften gern ein Besuch abgestattet. Haushaltungsgegenstände, Wirtschaftsartikel, Stoffe, Kolonialwaren, Tabak, Zigarren und viele andere Dinge finden ihren Weg zum Verbraucher. In der Richtstraße am Markt haben sich recht schmucke Geschäfte und Läden aufgetan, die in ihren sorgfältig ausgestatteten Schaufenstern den Käufern eine kleine Auswahl der reichhaltigen Lager bieten. Das geschäftliche Leben der Stadt leidet zum Teil unter der ungünstigen Bahnverbindung. Außer einer Filzfabrik ist keine Industrie vorhanden. Zu nennen wäre noch ein größeres Sägewerk. Nicht weniger als acht Kunststraßen vermitteln den Verkehr mit dem Lande. Die Kraftpost fährt täglich ins Netzebruch nach Gottschimm, Trebitsch und Driesen, wöchentlich zweimal nach Woldenberg, Sonntags nach Dolgen. Eine Erschließung der Wirtschaft kann aber nach Ansicht maßgebender Friedeberger Persönlichkeiten erst das jetzt vielfach erörterte Projekt der Ostmarkenbahn Guben - Schwerin - Friedeberg bringen. Das Blücherdenkmal auf dem Wilhelmplatz hat eine eigenartige Geschichte. In der Franzosenzeit leistete der Gastwirt Kindermann den Schwur, demjenigen, der Deutschland errettet, mit eigener Hand ein Denkmal zu setzen. Er hat ihn gehalten und aus einem 40 Zentner schweren Granitstein das Denkmal gefertigt. Ein ausgezeichnetes Standbild Kaiser Wilhelms I. in den Anlagen stammt von der Hand des Bildhauers Max Dennert, eines Sohnes der Stadt. Man hat hier und da Friedeberg gelegentlich eine schlafende Stadt genannt. Allerdings hat die ungünstige Lage den wirtschaftlichen Fortschritt ungemein erschwert, doch von einer schlafenden Stadt kann durchaus keine Rede sein. Nicht nur, daß in der Stadt selbst ein reges geistiges Leben herrscht, sondern von hier aus strömen jahraus, jahrein Quellen geistiger Anregung hin bis zu den einsamen Dörfern, an deren Rändern jetzt die polnischen Grenzposten wachen. Friedeberg ist als Mittelpunkt des Grenzkreises Hüterin deutscher Art und Sitte und seine Bürger werden sich dessen immer bewußt bleiben.