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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
In Friedebergs Mauern Teil I.
Neumärkische Zeitung   2. Oktober 1927

Geschichtliche Entwicklung der neumärkischen Kreisstadt in alter und neuer Zeit.
Von Walter Schloßer.

Tüt... tüt... tüt... Schrill pfeift die Lokomotive. Der Zug, der uns von der Ostbahn herausbrachte, hält. Laut schallt des Schaffners Stimme: Friedeberg! Friedeberg! Ich bin am Ziel.
Vom Bahnhof, der am nordwestlichen Ende der Stadt liegt, führt eine schöne, breite Straße hinein ins Stadtinnere. Links grüßen hohe alte Bäume herüber. Mit Entzücken haftet der Blick an dem herrlichen Bild. Der St. Georgs- Park ist ein ehemaliger Friedhof. Gärtnerischer Fleiß und liebevolle Arbeit haben hier ein kleines Paradies geschaffen. Lauschige Wege führen hindurch, und farbenprächtige Blumenbeete leuchten überall weithin entgegen. Bald bin ich am Eingang zur Richtstraße, der Hauptverkehrs- und Durchgangsstraße. Sie hat im vorigen Jahre eine vorteilhafte Umgestaltung erfahren dadurch, daß die alte, ziemlich holprige Pflasterung durch neue, glatte Stein ersetzt worden ist. Unsere Vorfahren schritten hier einst durch das hohe Landsberger Tor, das auch Birkholzer Tor genannt wurde. Seit dem Jahre 1866 ist es leider verschwunden; man hat es, weil es den Verkehr beengte, abgebrochen. Aber sonst ist die Stadtmauer, die sich rings um die Stadt zieht und 95 ½ Morgen umschließt, fast ganz erhalten. Recht interessant und lohnend ist es, an ihr entlang zu gehen. Die letzten Reste dieser einstigen Wehr sind stumme Zeugen vergangener Zeiten. Wenn man sie betrachtet, fühlt man sich im Geiste zurückversetzt in jene Zeit, da diese Mauer noch manchem feindlichen Ansturm standhielt, und die Steine werden lebendig, nehmen Formen an und erzählen aus längst entschwundenen Tagen. Vor 700 Jahren war’s, als im 13. Jahrhundert, als die Stadt Friedeberg, eine Askanische Gründung, erstand. Die genaue Jahreszahl ist nicht bekannt. Man findet Friedeberg zum ersten Mal in einer Urkunde des Jahres 1286 erwähnt. Vor seiner Gründung stand dort das Jagdschloß „Strzeleze“, zu Deutsch, „Schützenburg“. Man vermutet, daß dieses Schloß sich dort erhob, wo heute die St. Marienkirche ihren Platz hat. Es wurde bei einem Überfall durch die Polen angezündet und dem Erdboden gleichgemacht. Kurz danach erfolgte die Gründung der Stadt Friedeberg, auch Bredberg genannt. Ihre äußere Gestaltung hat die Stadt wahrscheinlich am Ende des 13. Jahrhunderts erhalten. Während bis dahin nur Wälle und Gräben der Stadt vor Feinden einigermaßen Schutz boten, wurde dann auch die Stadtmauer mit 38 vorspringenden Wachtürmen errichtet. Der Bau der Befestigungswerke wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts beendet. Vollkommen erhalten ist noch der sehr feste runde Turm, in den man die Gefangenen sperrte, und der daher „Fangturm“ genannt wurde. Gleichfalls unbeschädigt in die Gegenwart herübergerettet wurde das stattliche und architektonisch schöne Driesener Tor. Dessen Innenräume wurden 1919 zum Museum ausgebaut; die sehr schönen und zum Teil kostbaren Sammlungen, begonnen 1902, erhielten damit einen würdigen Platz. 1926 wurde auch das unmittelbar vor dem Tor stehende Fachwerkhaus dem Museum angegliedert. Das Museum weist eine reichhaltige Ausstattung auf. Genannt sei u.a. in dem Zimmer für kirchliche Altertümer ein Flügelaltar aus dem 16. Jahrhundert. Einen recht interessanten Einblick in das damalige Leben gestattet die Bürgerstube aus dem Jahre 1790. Alles atmet hier Ruhe und Beschaulichkeit, einen seltsamen Kontrast gebend zu dem Bild das sich einem darbietet wenn man zum Fenster hinausschaut wo in kurzen Zwischenräumen die Automobile in sausendem Tempo die von Berlin nach Königsberg führende Landstraße entlang fliegen. Die dem Friedeberger Handwerk gewidmete Zukunftstube bietet eine Sammlung von Innungstruhen, Zinnhumpen, Meister- und Gesellenbriefen, Gildeprivilegien usw. Am wertvollste ist die in der so genannten Gelben Stube übersichtlich aufgestellte vorgeschichtliche Sammlung mit den Steinwerkzeugen, Urnen und Bronzen. Auch einen gut erhaltenen Einbaum besitzt das Museum. Im obersten Stockwerk des Museums ist das Weberstübchen aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Vom Giebelfenster aus hat man übrigens einen weiten Ausblick nach Osten. In der Ferne sieht man bereits das jetzige Polen liegen und wieder wird man daran erinnert, daß es urdeutsches Land war und ist, was feindliche Willkür uns raubte. Aus dem Museum sind außer einer kleinen Waffensammlung noch besonders erwähnenswert die Erinnerungen an drei aus der Stadt Friedeberg hervorgegangene bedeutende Männer. Diese sind Prof. Ludwig Roster, dem ehem. Hofporträtmaler des deutschen Kaisers, der Bildhauer Max Dennert und Prof. Wernicke, der Miterfinder des Diphtherie- Heilserums. In unmittelbarer Nähe des Driesener Tores dicht an der Stadtmauer, erhob sich ehemals das vermutlich 1290 gegründete Kloster der Augustiner- Eremiten. Nach Einführung der Reformation, die in Friedeberg leicht Eingang fand, verließen die Mönche das Kloster. Da sich niemand mehr um das Gebäude kümmerte, geriet es allmählich in Verfall. Heute sind nur noch Reste der Grundmauern vorhanden. Das Klostergut und der Mönkendik erinnern noch an die Mönche. Friedeberg hatte ebenso wie die übrigen Städte der Neumark schwer zu leiden. 1326 wurde ein Ansturm der Polen und Litauer sinnreich zurückgewiesen. Am 7. August 1433 aber fielen die Hussiten nach zweitägiger Belagerung in die Stadt ein. Der deutsche Ritterorden, dem damals die Neumark gehörte konnte Friedeberg nicht mehr halten und verpfändete es an Friedrich II. Die Huldigungsfeier für den neuen Herrn fand im März 1454 in der St. Marienkirche statt. Der dreißigjährige Krieg verbreitete ebenfalls viel Angst und Schrecken. Die Bürger und auch der Rat verließen die Stadt, so daß sie fast ausgestorben dalag. Während des Siebenjährigen Krieges trafen oftmals Kosakenhorden in Friedeberg ein und erpreßten Lebensmittel und Geldabgaben. Durch die Reformation gewann der Glauben an den persönlichen Teufel und seinen verderblichen Einfluß auf die Menschheit immer breiteren Raum. Hexenverfolgungen und -verbrennungen waren wie überall so auch in Friedeberg, an der Tagesordnung.
(Fortsetzung folgt)