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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Über Auswanderer
Landsberger Kreisblatt 24. Mai 1849

Der Unterzeichnete erlaubt sich nachstehende,
die Auswanderung betreffende Mittheilung den hohen
deutschen Regierungen zur Kenntniß zu bringen:

Bekanntlich ziehen schon seit einigen Jahren beträchtliche Schaaren deutscher Auswanderer aus Baiern, Würtemberg, Baden und den nördlicher liegenden Rheinländern über fremde Häfen, namentlich Havre, theils hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, theils auch nach verschiedenen Gegenden von Südamerika, wozu diese Leute durch Vorspiegelung so genannter billiger Überfahrtspreise, unter Mitwirkung von obrigkeitlich erlaubten Agenturen, veranlasst werden. Obgleich nun diese Preise in keiner Beziehung als die billigsten, sondern vielmehr als die theuersten zu betrachten sind; so hat doch die Schlauheit der Verschiffer und ihrer Agenten im Innern über die Unwissenheit der Auswandere den Sieg davon getragen, und blindlings eilen sie dahin, ohne zu wissen, daß der Fehler, den sie begangen, auf hoher See entweder gar nicht, oder nur mit schweren Kosten verbessert werden kann.
Wirft man einen Blick auf die Gebräuche, nach welchen die Passagegelder in den oben genannten Häfen erhoben werden, so zeigt es sich, daß man dort die Überfahrt oder eigentliche Fracht von der Verproviantierung absichtlich trennt, und den Auswanderern Selbstverpflegung anempfiehlt, damit ihnen die Fracht umso billiger erscheine. Ist z.B. diese Fracht auf Fl. 60 für den erwachsenen Kopf von Havre, Antwerpen, Rotterdam oder London nach New York festgesetzt, so wird dem Auswanderer bedeutet, daß er noch überdies Fl. 20 bis Fl.21 für den Proviant, also im Ganzen Fl. 80 bis Fl. 81 zu bezahlen habe. In Bremen und Hamburg dagegen ist Selbstverpflegung, auf vielfache Erfahrung gestützt, nicht gestattet, weil die Auswanderer von der Beschaffenheit der auf See haltbaren Nahrungsmittel nichts verstehen, und oft Gegenstände einliegen, die man schon in den ersten Tagen über Bord werfen muß. Zudem sind diese Leute meist so knapp an Geld, daß sie nicht genug einlegen, oder auch, unvernünftiger Sparsamkeit wegen, mit weniger als nöthig sich begnügen wollen; und da diese Reise nach New York ebenso wohl 90 als 40 Tage dauern kann, so sind die Auswanderer nicht selten dem Verderben ausgesetzt. Aus diesen gewiß triftigen Gründen findet in Hamburg und Bremen keine Selbstverpflegung statt, und das Gesetz schreibt dem Verschiffer die Menge der Nahrungsmittel vor, welche er einzulegen und der Besichtigung der dazu beeidigten Staatsbeamten zu unterwerfen hat; bei welcher Gelegenheit die Zahl der Passagiere angegeben, und der Proviant, wenn nach New York z.B., auf 91 Tage berechnet, untersucht und nachgewogen wird.
In Folge dieser Anordnung ist es in den Hansestädten üblich geworden, Fracht und Verpflegung in einer runden Summe zusammenzufassen. Beträgt nun diese Summe in Hamburg oder Bremen Fl. 80, wie in Antwerpen oder Havre, so scheinen beide Theile gleich gut gestellt zu sein, was jedoch nicht der Fall ist, da die in den Hansestädten einzulegenden Nahrungsmittel über das Doppelte derjenigen kosten, welche in den genannten fremden Häfen vorgeschrieben sind. Werden daher in Hamburg und Antwerpen z.B. Fl. 80 Passagegeld für Fracht und Proviant überhaupt bezahlt, so erhält der Antwerpner Verschiffer Fl. 65 für Fracht, da ihn der abzuliefernde Proviant höchstens Fl. 15 kostet, während der Hamburger Verschiffer nur Fl. 48 für Fracht erhält, weil der gesetzlich einzulegende Proviant auf Fl. 32 sich berechnet. Daher kommt es auch, daß die Hamburger Verschiffer oft einige Thaler theurer, als die Antwerpner sind; und da der deutsche Auswanderer nur nach den Zahlen sieht, so wird er getäuscht, füllt den fremden Unternehmern die Taschen, und wird dagegen zum Danke so schlecht verpflegt, daß seine Überfahrt nach der neuen Welt eine Reise „ durch die Gemächer des Elends und die Höhlen des Jammers“ genannt werden kann.
Um nun die in den benannten Häfen bestimmte Verpflegung nach dem Gewichte darzustellen, folgt hier nachstehende Vergleichung, aus welcher genügend hervorgehen wird, daß obige Behauptung auf Wahrheit beruhen.
Einzunehmender Proviant für jede erwachsene Person nach New York, in
  
Alles in Pfund
Havre
Antwerpen
Rotterdam
London
Bremen
Hamburg
Gesalz. Ochsen- Fleisch            
-
-
-
-
32 ½
32 ½ 
Desgl. Schweine- Fleisch           
15
15
20
15
13
13
Reis
5
5
5
5
34
45 ½
Mehl 
5
5
5
5
43
45 ½
Erbsen
 
 
 
 
34
45 ½
Bohnen
 
 
 
 
34
45 ½
Graupen
 
 
 
 
34
45 ½
Pflaumen
 
 
 
 
34
45 ½
Sauerkohl
 
 
 
 
34
45 ½
Kartoffeln
200
60
200
100
36
36
Butter 
6
5
4
4
4 ½
4 ½
Schiffbrod
40
50
50
40
65
65
.
Schon aus dieser Übersicht ergibt es sich daher, daß beide deutsche Hafenstädte die reichlichste, aus haltbaren Nahrungsstoffen bestehende Verpflegung haben, da auf die Kartoffeln in See nicht mit Zuversicht zu zählen ist, und jedenfalls 5 - 6 Pfd. Davon nur 1 Pfd. Brod gleich zu rechnen sind. Auch darf es nicht unerwähnt bleiben, daß die deutschen Verschiffer bei dem oben erwähnten Proviants nicht stehen bleiben, sondern auch noch einige Zugaben an Kaffee, Thee, Syrup, Zucker, Hafergrütze, Sago, Spriet, Wein, nebst anderen Kleinigkeiten und einer Medicinliste machen, wodurch die Ausrüstung, des Geringen Passagegeldes ungeachtet, so vollständig als möglich geschieht.
In fremden Häfen wird dagegen von den zuletzt genannten Artikeln nichts verabreicht, und wer sie haben will, muß sie aus eigenen Mitteln bestreiten. Vergleicht man nun ferner eine von Antwerpen und Hamburg nach New York gemachte Ausrüstung  für 100 erwachsene Köpfe, so stellt sich folgendes Verhältnis klar vor Augen: In diesen beiden Gewichtsangaben ist die Verproviantierung der Leute nach der in beiden Häfen stattfindenden Vorschrift berechnet; da jedoch auch diese von einigen der besseren Verschiffer in Hamburg und Bremen überschritten wird, so folgt hier noch eine Aufstellung der Verpflegungsweise, welche der leitende Director der hiesigen nord- und südamerikanischen Schiffergesellschaft, Capt. M. Valentin, auf seinen Schiffen eingeführt und bisher unabänderlich befolgt hat:

Für 100 erwachsene Personen nach New York.
  
Ochsenfleisch   
3250
Gelbe Erbsen  
975
Schweinefleisch               
1300
Grüne Erbsen 
487 ½
Pflaumen             
487 ½
Reis                
162 ½
Graupen                             
650
Linsen   
975
Mehl                                
975
Bohnen     
487 ½
Sauerkohl                          
975
Brod     
6500
Kaffee                 
162 ½
Syrup        
203 ½
Thee                    
81 ½
Kartoffeln   
3 - 1000
Zucker                            
326
Wein     
325 Flaschen
Butter    
650

Hafergrütze, Sago, Salz, Senf, Pfeffer, Essig, Flieder, Kamillen, nach Gutdünken nebst einer Apotheke und 100 Oxdost Wasser. Bei dieser Verpflegung, die beste, welche mir bekannt ist, werden also auf 100 Mann 20 875 Pfund solide Nahrungsstoffe eingenommen.
Aus diesen Angaben geht nun Gewiß klar genug hervor, daß die so genannten billigen Überfahrtspreise über fremde Häfen bloß auf Täuschung beruhen, und daß der deutsche Auswanderer aus Unwissenheit gerade diejenigen Weg einschlägt, die seine und seiner Familien Gesundheit  untergraben, des Umstandes nicht zu vergessen, daß auf Bremer und Hamburger Schiffen nicht nur Frachtgelder und Proviant, sondern auch noch Thlr. 20 pr. Crt. mehr als eingezahlt versichert werden, damit die Auswanderer, falls dem Schiffe ein Unglück begegnet, dennoch an den Ort ihrer Bestimmung gebracht werden können, ohne ihnen deshalb die mindeste Last oder Sorge aufzubürden.
Nachdem nun die Frage der Beförderung über fremde und deutsche Häfen erledigt ist, und welche von beiden dem Auswanderer  die meisten Vorteile darbieten, wird es nicht überflüssig sein, einige Gräuel zu bezeichnen, welche aus der oben erwähnten schlechten Verproviantierung in fremden Häfen entstanden sind, während bei den von Bremen und Hamburg beförderten Schiffen, meines Wissens, noch keine Spur davon vorgekommen.
Bleibt man in dieser Beziehung bloß um zwei Jahre zurück, welche Gemälde von Elend und Jammer drängen sich nicht dem Betrachter auf! Da haben wir zunächst 72 Auswanderer aus Großzimmern, welche auf dem Orphan, Capitain Burrow, über Liverpool nach New York verschifft, nach 5 wöchentlicher Reise entmastet zurückkehrten, und schon nach Verlauf dieser kurzen Frist nagenden Hunger erlitten hatten. Nur Schiffbrod und Wasser blieben ihnen noch während der letzten zehn Tage dieser unglücklichen Reise übrig, woraus man deutlich sehen kann, daß die Leute höchstens für 1 Monat Proviant an Bord haben konnten!
Eine ähnliche Szene ereignete sich bei einem anderen Theile derselben Auswanderer auf dem Schiffe Pontiac von Liverpool, welches 63 Tage zur Überfahrt nach New York gebrauchte und 19 verhungerte an Bord hatte, worunter 5 Deutsche! Über 200 jener Auswanderer kamen in die Spitäler. Wie viel von unseren Landsleuten im letzten Jahre auf der Überfahrt nach Quebeck am Typhus und Hungers gestorben sind, kann gar nicht genau bestimmt werden; wenn man aber die von dort eingelaufenen schauderhaften Berichte zur Hand nimmt, so kann man sich einen Begriff von dem traurigen Schicksale machen, in welches Tausende unserer Landsleute geraten sein mögen. Auch von Südamerika, namentlich Brasilien, laufen beständig Klagen über die schlechte Verpflegung der Leute an Bord von Auswanderschiffen ein, welche von Havre, Dünkirchen und Antwerpen kommen. Von 180 Menschen auf der „Virginie“ von Dünkirchen waren 16 gestorben und viele der lebendig Angekommenen entkräftet und aus Mangel an hinlänglicher Nahrung beinahe sterbend. Selbst dieser Tage lief ein mit 210 Auswanderer befrachtetes Schiff, von Antwerpen kommend, in Plymouth ein, um einer Hungersnoth vorzubeugen, da der eingenommene Proviant so schlecht war, daß er schon in den ersten Tagen in Fäulnis überging und den Wellen überliefert werden musste.
Dies sind nur einige wenige Beispiele von den traurigen Folgen, welche mit der Auswanderung über fremde Häfen verknüpft sind; indes wollte man sie alle zusammenzählen, so würde man damit kaum zu Ende kommen, und deshalb die Sache doch nicht besser machen, wenn nicht die hohen Regierungen sich ins Mittel legen und öffentliche Warnungen an die Kreisämter, Bürgermeistereien usw. gegen die Verschiffung über die mehrfach gedachten Häfen ergehen lassen, ausgenommen man mache sich dort unter obrigkeitlicher Gewährleistung verbindlich, auf gleiche Weise wie in Hamburg und Bremen auszurüsten, wodurch alsdann die Passagegelder gewiß höher als in Deutschland sich stellen werden.
In Betracht der bisher angeführten Thatsachen ist es also einleuchtend und erwiesen, daß die Verpflegung der Auswanderer am Reichlichsten und Besten in Hamburg geschieht, und daß auch Bremen dem Gewicht nach mit der hiesigen Vorschrift übereinstimmt, dagegen aber rücksichtlich der Beschaffenheit der eingelegten Nahrungsmittel mit dem unsrigen nicht auf gleicher Stufe sich erhält. Bremen hat leider immer auf billige Überfahrtpreise hingezielt, und die Concurrenz auf einen Grad getrieben, daß diese Billigkeit nur auf Kosten der Güte der Lebensmittel und durch Raumbeschränkung, in beiden Fällen also zum Nachteile der Auswanderer, erzielt werden konnte. Darum führt man auch in Bremen das schlechte amerikanische Fleisch ein, um die Auswanderer damit zu speisen, und auch das Brod ist kaum genießbar, während Hamburg beide Gegenstände von guter Beschaffenheit geliefert werden, obgleich es auch nicht in allen Fällen geschieht und manche Übertretung auch hier schon vorgekommen sind. Dergleichen Kniffe wären indes leicht zu hintertreiben, wenn in Hamburg und Bremen, außer den dort von den Behörden ernannten beeidigten Besichtigern, noch eine weitere Kontrolle in der Person eines rechtschaffenen und tüchtigen Seemannes angestellt und von den Staaten Deutschlands besoldet wäre, damit die Auswanderer gehörig vertreten, ihre Rechte gewahrt, und die Gesetze aufrecht erhalten würden. In den obengenannten fremden Häfen müsste dasselbe geschehen, und solche Männer den Consuln stets beigestellt werden, da die letzteren von dergleichen Dingen gewöhnlich nichts verstehen. Dadurch allein würde beiden Theilen Recht geschehen, und die Auswanderer wären geschützt, während sie jetzt die Beute der Franzosen, Engländer, Belgier und Holländer werden. Die allerschlechteste Beförderung findet übrigens über Liverpool Staat, vor welchem Raubnest nicht genug gewarnt werden kann. 
Schließlich bleibt noch der Umstand zu erwähnen, daß viele Auswanderer des südwestlichen und westlichen Deutschland bisher auch die Reisekosten nach Hamburg und Bremen scheuten, weil sie theurer waren als nach Havre, Antwerpen, Rotterdam und London; allein seit Kurzem ist auch dieses Mißverhältniß aufgehoben, da die Eisenbahn von Köln bis Bremen und Hamburg die Leute für etwas 1 ½ Thlr. pr. Crt. befördert, und ihnen überdies 100 Pfund Gepäck frei erlaubt. Die Reise ab Mainz kann daher bis Hamburg oder Bremen in drei Tagen zurückgelegt werden, und es ist folglich kein Grund mehr vorhanden, warum nicht die bessere, und in der That billigere Beförderung über die beiden deutschen Hafenstädte jeder anderen vorgezogen werden sollte.
Mögen diese Worte geeigneten Ortes willfährige Beherzigung finden!

Hamburg, im Oktober 1849
(gez.) F. Schmidt, Dr phil.