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1. Burg Zantoch

Eingeengt zwischen dem Strombett der Warthe und Netze und dem neumärkischen Höhenrücken, erheben sich die Häuser des heutigen Dorfes Zantoch in lang ausgedehnter Linie. Etwa in der Mitte desselben ragt der 70 Meter hohe Schlossberg empor. Von dieser luftigen Höhe überschaut man in südlicher Richtung das Stromgebiet der Warthe und Netze, das sich als eine tiefgelegene Bruchlandschaft kennzeichnet. Das Strombild, das sich auf der wogenden Wasserfläche darbietet, ist wohl imstande, den Blick zu fesseln: die weißleuchtenden Segel vom Winde geschwellt, die bunten Wimpel an der Spitze des Mastes glänzend im Sonnengold, so durchfurchen schwerbeladene Frachtkähne geräuschlos die Wogen; weiter abwärts erscheint der rauchende Schlot eines Dampfers, der hinter sich eine Anzahl beladener Fahrzeuge stromaufwärts schleppt; ein entgegenkommendes Floß, aus Baustämmen fest zusammengefügt, kann nur durch die angestrengte Tätigkeit der beiden Flößer ausweichen; in jener Bucht ziehen Fischer ihre Netze über den Grund des Flusses. Aber nicht immer trug diese Gegend das Gepräge von heute; in früheren Zeiten flossen Warthe und Netze nicht in so geregelten Bahnen dahin; sie erfüllten vielmehr mit zahlreichen Nebenarmen das ganze niedrige Vorland. Jedoch nicht allein die örtlichen Verhältnisse des überschauten Gebietes, sondern auch die kulturellen Zustände des Ortes Zantoch waren in früheren Zeitläufen ganz andere, von den heutigen grundverschieden. Welcher Besucher des Schlossberges könnte wohl von selbst auf den Gedanken kommen dass hier einst Jahrhunderte lang die kraftvollen Rittergestalten des Mittelalters in ihren schweren Rüstungen einherschritten, dass Schlachtruf, Schwerterklirren und Schilderklang die Luft erfüllten, dass sich auf der gegenüberliegenden Bodenerhebung hart jenseits des Flusses eine volkreiche, befestigte Stadt mit einem aus Granitquadern erbauten Gotteshaus erhoben hat, nämlich Alt Zantoch, dass auf dem Schlossberge selbst die Mauern einer starken Burg emporragten, die ihre Türme in den Wellen des Flusses spiegelten. So fern jene Zeit auch schon liegt, so hat sie doch noch heute merkbare Spuren hinterlassen; denn auf dem Boden von Alt Zantoch sind mittelalterliche Gegenstände in großer Anzahl gefunden worden. Besonders reichlich war die Ausbeute an Sporen, Lanzenspitzen, Steigbügeln, Steinkugeln, Phahlschäften und Gefäßresten, als bei der Regulierung des linken Wartheufers ein Stück des vorderen Hügels, der „Schanze“, abgetragen wurde. Diese Fundstücke kann man im städtischen Museum zu Landsberg in Augenschein nehmen. Daß auch der Schlossberg von einer Burg gekrönt war, beweisen die Bohrversuche, wodurch vorhandene Mauerreste festgestellt wurden. Versuchen wir auf Grund der vorhandenen historischen Nachrichten, diese Stätte in unseren Gedanken mit dem Leben und Treiben vergangener Jahrhunderte und Geschlechter zu erfüllen.
Zantoch ( von R(N)ießen, die Burg Zantoch und ihre Geschichte, ein Beitrag zur ....geschichte der Neumark) war ursprünglich eine Ansiedlung der slavischen Netzeanwohner; denn der Name ist wohl von dem polnischen santok, d.h. Biegung oder Flusskrümmung, abzuleiten. Auch die Altertumsfunde am Bergabhang östlich des Bahnhofs lassen darauf schließen. Schon seit uralten Zeiten galt es als wichtiger Netzepaß, über den zwei große Handelsstraßen führten, die – nach den gefundenen Bezugsgegenständen zu schließen – schon von römischer Kaufleuten benutzt wurden. Die eine Straße kam aus Polen über Driesen und die Hottosberge, überschritt bei Zantoch die Netze und setzte sich auf deren rechter Seite über die Zechower Berge bis zur Kladowmündung fort; die andere Straße folgte dem Lauf der Odra über Schwerin und Morrn nach Zantoch, suchte über Landsberg das Flussgebiet der Kladow auf und führte weiter über Kloster Himmelstädt bis Pyritz und Stettin.
Die Bedeutung Zantochs als Netzepaß wuchs, als am Anfange des 11. Jahrhunderts das Polenreich durch Boleslaw Chrobry nach Westen an Ausdehnung gewann und es zu heftigen Käpfen mit dem Herzögen von Pommern kam. Es ist wohl anzunehmen, dass in dieser Zeit von den Polen der Grund zur Burg von Zantoch am linken Flussufer gelegt wurde, um einen festen Stützpunkt gegen die Pommern zu gewinnen und den wichtigen Stromübergang zu decken; so wurde Zantoch „der Schlüssel Polens“. Den teilweisen Zerfall dieses Reiches nach Boleslaws Tode benutzten die Pommern, um die verlorenen Landesteile zurückzugewinnen; sie drangen bis zur Netze vor und erbauten im Jahre 1099 auf dem Schlossberge, gegenüber der polnischen Feste, eine starke Burg, von wo aus sie alles, was drüben geschah, beobachten konnten. Dem jugendlichen Polenherzog Boleslaw III. gelang es, durch persönliche Tapferkeit die Pommern, welche das Schloß bestürmten, zu vertreiben und ihre Burg zu zerstören. Nach seinem Tode 1139 zerfiel das Reich aufs neue; die Pommern nahmen die verlorenen Gebiete wieder in Besitz, eroberten sogar die Länder südlich der Warthe und wurden so Heeren von Zantoch. Im weiteren Verlauf traten zu den bisherigen Kämpfen um die alte Grenzfeste von Süden her die Schlesier und von Westen her die deutschen Tempelherren. Die Grabschrift Herzog Heinrichs des Bärtigen von Schlesien im Kloster Leubus nennt ihn auch „Herrn von Zantoch“, in dessen Besitz er im Jahre 1234 gekommen war, um es wahrscheinlich bald darauf an die Templer zu verlieren. Nun begann um den Besitz der Burg eine Zeit der immer währenden Kämpfe und blutigen Fehden zwischen den genannten Völkern; fortgesetzt wechselte sie ihren Herrn. Es war ein Ringen, wie es die Geschichte selten von einem festen Orte zu berichten weiß. Beständig wogte der Kampf hin und her; bald lagen die Pommern vor Zantochs Wällen, errichteten ihre frühere Burg wieder und brannten die polnische nieder; dann kamen die Schlesier und bauten sie wieder auf, um sie an die Polen wieder zu verlieren, die sich auch nicht lange ihres ruhigen Besitzes freuen durften, sondern sie wieder gegen die kriegslustigen Pommern verteidigen mussten.
Auf die Tempelherrn, die Vorkämpfer des Deutschtums, folgten von Westen her die brandenburgischen Markgrafen, indem sie die Streitigkeiten zwischen den Polen, Schlesiern und Pommern benutzten, um ebenfalls Einfluß und Anrechte auf die östliche Oder gelegenen Gebiete zu erlangen und deutsche Kultur nach dem slavischen Osten zu tragen. So trat der Askanier Markgraf Johann zu dem Polenherzog Premislaw in nähere Beziehung, die dahin führte, dass im Jahre 1260 auf der Burg zu Zantoch die Hochzeit zwischen Johanns Sohn Konrad und Konstancia, der Tochter Premislaws, mit großer Pracht gefeiert wurde. Wenn man jedoch gehofft hatte, dass diese Verbindung friedliche Verhältnisse und Zantoch Ruhe schaffen würde, so hatte man sich sehr getäuscht; vielmehr kam es jetzt zu heftigen Fehden zwischen Brandenburgern und Polen um den Besitz des Schlosses. Markgraf Otto IV. Mit dem Pfeil wollte es an sich reißen, weshalb im Jahre 1265 deutsche Ritter Zantoch besetzten. Als darauf die Polen heranrückten, einigte man sich dahin, die Burg zu zerstören. Da aber die Polen Zantoch bald wieder aufbauten, rückten die Brandenburger abermals heran und zwangen jene, die Burg aufs neue dem Erdboden gleich zu machen. Nach kurzer Zeit befestigten aber die Brandenburger Zantoch wieder, wodurch der hin- und herwogende Kampf um seien Besitz abermals entfacht wurde. Währenddessen Alt Zantoch im Besitz der Brandenburger war, trat eine Änderung in kirchlicher Beziehung ein; die geistliche Gerichtsbarkeit, welche die zur St. Andreaskirche in Zantoch gehörige Probstei über alle Kirchen zwischen Oder, Warthe, Drage und Netze besessen hatte, wurde jetzt dem Domstift zu Soldin übertragen. Zantoch blieb jedoch nur vorübergehend bei der Mark; die Polen nahmen es wieder weg und behaupteten es bis 1296, in welchem Jahre Przemlislaw II. von Polen ermordet wurde. Aufs neue verloren es die Brandenburger 1325 durch den furchtbaren Einfall der Litauer und Polen, die durch den Papst gegen die verhassten Ludwige aus dem Hause der Wittelsbacher aufgehetzt worden waren. Erst 1325 fiel Zantoch wieder an die Mark, als sich Ludwig der Römer mit einer Schwester Kasimirs von Polen verlobte. Nun traten einigermaßen geordnete Verhältnisse für das Schloß ein, indem die Markgrafen ihre getreuen Anhänger, die Jagows und Uchtenhagen, mit Zantoch nebst dem halben Wasserzoll belehnten. In dieser Zeit wurde auch eine Brücke über den Fluß gebaut.
Später kam die Burg in den Besitz des Vogtes der Neumark, des Dobergast von Ost, dem auch Driesen gehörte. Als sich Kaiser Karl IV. die Mitregentschaft der Mark übertragen ließ, waren Dobergast von Ost und seine Brüder damit nicht einverstanden, sondern sie erklärten sich urkundlich 1355 als Unterthanen der Krone Polens und die Schlösser Zantoch und Driesen als polnische Lehen. Doch schon fünf Jahre später wurden Schloß und Stadt Zantoch von den Brandenburgern zurückerobert und kamen in Lehnsbesitz der Familie Wedel. Unter Karls Sohn Sigismund, der sich immer in Geldnot befand, wurde Zantoch an die Johanniter verpfändet, während die übrige Neumark 1402 in den Pfandbesitz des deutschen Ritterordens überging.
Von nun an traten der Ritterorden und die Polen mit ihren Ansprüchen auf Zantoch auf. Ersterem war das Schloß von Sigismund zwar versprochen worden, aber die Johanniter widersetzten sich. Der König von Polen traf Anstalten, es mit Gewalt an sich zu bringen. Auf eine Beschwerde des Ritterordens bei Kaiser Sigismund wurde der Großfürst von Litauen als Schiedsrichter angerufen, der Zantoch natürlich den Polen zusprach. Darauf erklärten aber die Gesandten des neumärkischen Städtetages zu Landsberg, Zantoch habe vor alten Zeiten zur Neumark gehört, liege innerhalb ihrer Grenzen, sie würden es nie einem anderen Herrn übergeben; wollte man es ihnen mit Gewalt entreißen, so würden sie Gut und Blut daran setzen. Da beide Parteien ihre Ansprüche auf Zantoch aufrecht hielten, so kam es zum Kriege zwischen dem Orden und Polen. Die unglückliche Schlacht bei Tannenberg 1410 entschied über das Schicksal des Ordens. Im Frieden zu Thorn wurde bestimmt, dass der Streit um Zantoch und Driesen einem Schiedsgericht von zwölf Rittern und nötigenfalls dem Ppste übertragen werden sollte. Zu einer Entscheidung kam es vorläufig jedoch nicht; die Polen erlaubten sich zahlreiche Einfälle ins Zantocher Gebiet, und der König machte seinen Anspruch auf Zantoch auf zahlreichen Verhandlungstagen, unter anderem auch auf dem Konzil zu Kostnitz, immer wieder geltend. Da brachte das Jahr 1433 den furchtbaren Einfall der Hussiten, und der erste Ort der Neumark, der ihnen – wie man sagt, durch Verrat der Johanniter, die sich dafür Sicherung ihrer Besitztümer versprechen ließen – übergeben wurde, war der alte Netzepaß Zantoch. Nun kamen die Polen als Verbündete der Hussiten, zerstörten das Städtchen Alt Zantoch, vernichteten die Weinberge und nahmen Zoll und Fischerei für sich in Anspruch. Klagend schrieb damals der Ordensvogt der Neumark an den Hochmeister zu Marienburg: „Auf Schlo0 Santock liegt eine Horde von 50 Spießgesellen, die keine Nacht vorübergehen lassen, in der sie nicht als Straßenräuber auf offener Straße jeden, den sie finden, aufgreifen, ausplündern, misshandeln und die Dörfer meilenweit mit Raub und Brand in Schrecken setzen, sodaß kein Mensch seines Eigentums mehr sicher ist“. Die polnischen Wegelagerer versuchten sogar einen Überfall auf Landsberg, der jedoch durch die Wachsamkeit und Tapferkeit der Bürger vereitelt wurde. Um dem räuberischen Treiben Einhalt zu tun, errichtete der Ordensvogt die alte Pommernburg auf dem Schlossberge aufs neue.
Jetzt trat der Hohenzoller Kurfürst Friedrich II. gegen Orden und Polen kraftvoll mit seinen Ansprüchen auf Schloß Zantoch hervor, brachte es 1445 von den Johannitern durch Kauf an sich, besetzte es und ließ sofort trotz heftigen Widerspruchs seitens des Ordens eine Brücke über den Fluß bauen; ihre Überreste – einige Phähle- wurden vor einigen Jahre bei der Stromregulierung ausgegraben.
Die Bedeutung des Schlosses Zantoch als wichtiger Netzepaß sank sofort, als im Jahre 1454 der Ritterorden sich genötigt sah, die ganze Neumark Friedrich II: zu überlassen. Zantoch hörte auf, der Schlüssel zu dem viel umstrittenen Grenzgebiet der Warthe und Netze zu sein, nachdem das ganze Land unter die starke Herrschaft der Hohenzollern gekommen war, denen es kein neidischer Nachbar mehr streitig machen konnte. Trotz seiner günstigen Lage am Zusammenfluß zweier Ströme vermochte sich der Ort nicht wie viele anderen in friedlicher Entwicklung zu einem größeren Gemeinwesen emporzuschwingen; der engbegrenzte Raum zwischen Bruch und Höhenland und die Nähe des emporblühenden Landsberg waren dem hinderlich im Wege. Nur an der Höhenseite entlang entstand Neu Zantoch; Alt Zantoch und das einst viel umstrittene Schloß zerfielen im Laufe der Jahrhunderte, weil an ihrer Erhaltung niemand mehr ein Interesse hatte. Was der Dichter Chamisso von seinem väterlichen Schlosse wehmutsvoll ausruft, das können wir auch von Alt Zantoch sagen:

„Du bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.“
  
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)